22. Januar 1944
Das Sondergericht beim Landgericht Magdeburg verurteilt die 23jährige Angestellte Hildegard Trusch zum Tode. Die Angeklagte soll in der Nacht zuvor während eines Bombenangriffs vom Hof eines brennenden Hauses eine Hose und Haarklemmen entwendet haben. Beim Versuch sie zu verkaufen, geriet Trusch an einen Polizeispitzel und wurde verhaftet. Die Verurteilte wird in das Zuchthaus Halle/Saale überführt.
4. Februar 1944
Die wegen “Plünderung” verurteilte Hildegard Trusch aus Magdeburg wird im Zuchthaus Halle/Saale mit dem Fallbeil hingerichtet (siehe 22.01.1944).
Während der Haft wurde bei ihr eine Schwangerschaft entdeckt. Laut Vorschriften hätte daher die Hinrichtung ausgesetzt werden müssen. Daraufhin regte die Staatsanwaltschaft einen Schwangerschaftsabbruch an, da das Kind ohnehin kein “wertvoller Bestandteil der Volksgemeinschaft“ werden könne. Noch vor Abschluss dieser Überlegungen ließ das Justizministerium die Hinrichtung vollstrecken. Dem Landgericht Magdeburg wurde mitgeteilt, Hildegard Trusch habe eine Fehlgeburt erlitten.
9. Februar 1944
Frieda Jess, Mitarbeiterin der Untergrunddruckerei der Zeugen Jehovas in Magdeburg, wird von der Gestapo verhaftet und am 17. Oktober 1944 vom Volksgerichtshof wegen der Fortführung religiöser Tätigkeiten zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. Bereits im Juni 1940 war sie für zehn Monate in Beugehaft genommen worden. Das Kriegsende erlebt sie in der Haftanstalt Waldheim.
Für ihren Glauben sitzt sie in der DDR von 1950 bis 1956 erneut im Zuchthaus.
12. Februar 1944
Johannes Schindler, ehemaliger Mitarbeiter des Bibelhauses der Zeugen Jehovas in Magdeburg, wird wegen Weiterführung der religiösen Tätigkeit in Dresden verhaftet und nach Magdeburg überstellt. Hier wird er von der Gestapo vom Bahnhof zum „Braunen Haus“ getrieben, begleitet von den verächtlichen Blicken der Passant:innen. Nach dem Verhör kommt Schindler in das Gestapo-Auffanglager Rothensee und schließlich ins städtische Gefängnis.
9. März 1944
Franz Massors, ehemaliger Mitarbeiter der Zeugen Jehovas in Magdeburg und Gruppendiener der Religionsgemeinschaft im Untergrund, wird im Zuchthaus Halle/Saale hingerichtet. Er wurde im Februar 1940 festgenommen und 1943 aus der Haft zum Kriegsdienst einberufen. Das Reichskriegsgericht verurteilte Franz Massors wegen Wehrdienstverweigerung zum Tode.
14. Juni 1944
Auf Betreiben der Polte OHG – einer der größten Munitionsproduzenten für die Luftwaffe – wird gegenüber dem Hauptwerk an der heutigen Liebknechtstraße ein Außenlager des KZ Ravensbrück errichtet. Am 14. Juni 1944 erreicht ein erster Transport mit 1.000 weiblichen Häftlingen Magdeburg. Bis zur Übernahme des Außenkommandos durch das KZ Buchenwald im September 1944 erhöht sich die Häftlingszahl auf über 1.800 Frauen. Insgesamt sind hier 3.090 Frauen – überwiegend aus Polen und den Ländern der Sowjetunion – inhaftiert.
17. Juni 1944
Auf Initiative der Braunkohle- und Benzin AG (Brabag) wird in Magdeburg-Rothensee ein Außenlager des KZ Buchenwald für männliche Häftlinge (“Magda“) errichtet. Am 17. Juni 1944 treffen hier die ersten 900 von 2.200 Häftlingen ein. Die fast ausschließlich ungarischen Juden wurden in Auschwitz zur Zwangsarbeit selektiert und nach Magdeburg deportiert.
29. Juni 1944
Bereits wenige Tage nach der Ankunft im KZ-Außenlager Magdeburg-Rothensee (“Magda”) werden 59 Häftlinge als “arbeitsunfähig” in das KZ Buchenwald deportiert.
Kranke und arbeitsunfähige Häftlinge in dem KZ unterliegen der Selektion durch den Häftlingspfleger, den Brabag-Betriebsarzt und die SS-Sanitäter. Die “Rücktransporte” in die Stammlager der Außenkommandos bedeuten häufig das Todesurteil für die Betroffenen.
9. Juli 1944
Im Rahmen polizeilicher Aktionen gegen den antifaschistischen Widerstand werden Hermann Danz und Martin Schwantes verhaftet. Die beiden Magdeburger Kommunisten hatten an einem Treffen von Mitgliedern des Kreisauer Kreises und der Widerstandsgruppe um Anton Saefkow und Franz Jacob teilgenommen.
23. Juli 1944
Nach einem ersten Transport von 900 Juden am 17. Juni 1944 erreicht ein weiterer Transport von 1.250 ungarischen Juden aus Auschwitz das Außenkommando in Magdeburg-Rothensee. Bis Ende August 1944 folgen noch drei kleinere Transporte mit 22 Häftlingen.
24. Juli 1944
Nachdem bereits am 9. Juli 1944 Hermann Danz und Martin Schwantes verhaftet worden waren, werden in Magdeburg die kommunistischen Widerstandskämpfer:innen Hubert Materlik, Fritz Rödel, Hans Schellheimer, Klara Schellheimer und Eva Lippold nach dem Verrat eines Gestapo-Spitzels verhaftet.
25. Juli 1944
Die SS stellt einen weiteren Rücktransport von 91 kranken und/oder völlig entkräfteten Häftlingen des Außenkommandos Magdeburg-Rothensee in das KZ Buchenwald zusammen. Dort erwartet sie in vielen Fällen der Tod.
26./27. Juli 1944
Drei – möglicherweise auch zwei – Tage nach seiner Verhaftung durch die Gestapo wird der kommunistische Widerstandskämpfer Hubert Materlik in seiner Zelle erhängt aufgefunden. Bis heute ist ungeklärt, ob Folter und Verhöre ihn in den Freitod getrieben haben oder die Gestapo ihn ermordet hat.
27. September 1944
Mit einem dritten Transport werden 525 kranke und nicht mehr arbeitsfähige Häftlinge des KZ-Außenlagers bei den Brabag-Werken in Magdeburg-Rothensee in das KZ Buchenwald gebracht. Von dort deportiert die SS 388 von ihnen am 3. Oktober 1944 zur Ermordung in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.
17. Oktober 1944
Der Volksgerichtshof verurteilt Wilhelm Schumann und Johannes Schindler zum Tode. Sie waren unter anderem in Magdeburg für die Zeugen Jehovas im Untergrund tätig gewesen und hatten Flugschriften der Glaubensgemeinschaft verteilt. Ihre Hinrichtung im Zuchthaus Brandenburg wird ausgesetzt, da man sich von ihnen Zeugenaussagen erhofft. So können sie die Zeit des Nationalsozialismus überleben.
27. Oktober 1944
Ein Transport mit 550 weiblichen Häftlingen aus dem KZ Ravensbrück erreicht das Außenlager Polte-Magdeburg. Ein Großteil der Frauen stammt aus Warschau. Nach der Niederschlagung des dortigen Aufstands am 2. Oktober 1944 hatte das NS-Regime die überlebende Warschauer Bevölkerung deportiert und 60-80.000 von ihnen in die deutschen Konzentrationslager verschleppt.
1. November 1944
Am Magdeburger Landgericht findet die Hauptverhandlung des Volksgerichtshofs gegen Hermann Danz, Fritz Rödel, Hans Schellheimer und Martin Schwantes statt. Die Kommunisten hatten antifaschistische Widerstandsgruppen aufgebaut. Sie werden wegen “Vorbereitung zum Hochverrat” zum Tode verurteilt.
2. November 1944
Die ungarische Jüdin Olga Schwartz wird von Auschwitz in das KZ-Außenlager Magdeburg-Polte überstellt. Sie wird dort als Ärztin für die mittlerweile mehr als 2.400 inhaftierten Frauen eingesetzt.
3. November 1944
Ein Transport mit 300 Frauen und 500 Männern – Jüdinnen und Juden aus Litauen, Lettland, Ungarn, Polen und Rumänien – erreicht das KZ-Außenlager Polte-Magdeburg. Die Häftlinge wurden zuvor im KZ Stutthof für den Arbeitseinsatz in der Rüstungsindustrie ausgewählt. Das Lager für Frauen bei den Polte-Werken wird um ein KZ für Männer erweitert. Beiden Außenkommandos unterstehen dem KZ Buchenwald. Im Männer-Lager werden bis zur Auflösung mehr als 630 Juden inhaftiert.
24. November 1944
Erkrankung und Erschöpfung in den KZ-Außenlagern führen zur beständigen Selektion – häufig in den Tod. So werden aufgrund ihrer Arbeitsunfähigkeit zwölf Frauen aus Russland und eine Frau aus Polen vom KZ-Außenlager Polte-Magdeburg in das KZ Ravensbrück überstellt.
24. November 1944
Bei einer Besichtigung im Hauptwerk der Polte OHG stellt das Gewerbeaufsichtsamt Magdeburg fest, dass die Betriebs-Sozialarbeiterinnen darauf achten, bei schweren Arbeiten möglichst nur osteuropäische Zwangsarbeiterinnen einzusetzen.
2. Dezember 1944
300 jüdische Frauen und eine bisher unbekannte Zahl Männer erreichen mit einem Häftlingstransport aus Bergen-Belsen das KZ-Außenlager Polte-Magdeburg, unter ihnen Frauen aus Polen, Ungarn, Tschechien und Österreich.
19. Dezember 1944
In einem Schreiben weist Hans Nathusius, Betriebsführer der Polte OHG, darauf hin, dass KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter:innen im Gegensatz zu regulär Angestellten keinen Anspruch auf eine Lohnausfallerstattung bei Fliegerangriffen haben.
29. Dezember 1944
Die SS deportiert 401 „arbeitsunfähige“ Häftlinge des KZ-Außenkommandos Magdeburg-Rothensee in das KZ Bergen Belsen. Bereits innerhalb der ersten zehn Tage nach ihrer Ankunft kommen dort 59 von ihnen ums Leben.
5. Januar 1945
Paul Drosdek, katholischer Priester aus Jendryssek (Diözese Kattowice, Polen), stirbt nach mehrjähriger Haft im Gefängnis Magdeburg. Am 11. Januar 1945 wird er auf dem Sudenburger Friedhof beigesetzt. Drosdek wurde 1941 wegen seines Protests gegen die Misshandlung von Polinnen und Polen denunziert und verhaftet. Wegen seines schlechten Gesundheitszustands entging er dem KZ Dachau und musste seine Haftstrafe schließlich in Magdeburg absitzen.
9. Januar 1945
Die ungarische Jüdin Matrona Samson stirbt an den Folgen von Zwangsarbeit und den widrigen Lebensumständen im KZ-Außenlager Polte-Magdeburg.
9. Januar 1945
Vom KZ-Außenlager Polte-Magdeburg werden 26 “arbeitsunfähige” Häftlinge in das KZ Bergen-Belsen deportiert. Unter den Frauen befinden sich fünf ungarische und vier polnische Jüdinnen, acht russische “Zivilarbeiterinnen” und neun polnische “politische Häftlinge”. 24 der Frauen waren an TBC erkrankt, eine Frau war herzkrank und eine schwanger.
12. Januar 1945
Aus dem KZ Ravensbrück werden 50 weibliche Häftlinge an das KZ-Außenlager Polte-Magdeburg zur Zwangsarbeit überstellt. Unter ihnen sind 27 deutsche, 17 russische und vier polnische Frauen sowie eine Sintiza und eine Tschechin.
16. Januar 1945
Die ungarische Jüdin Mathilde Memolis stirbt an den Folgen von Zwangsarbeit und Haftbedingungen im KZ-Außenlager Polte-Magdeburg.
17. Januar 1945
Die Familie Freiberg – unter ihnen der 13jährige Martin Freiberg – reißt sich die “Judensterne” von den Kleidern und kann aus der Stadt fliehen. Am Tag zuvor war das “Judenhaus”, in dem die Freibergs wohnen mussten, während des schweren Bombenangriffs zerstört worden. In einem Dorf unter die Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen gemischt, überleben sie und werden am 13. April 1945 von US-amerikanischen Streitkräften befreit.